Bahnbauten Ma(a)ße abnehmen

Dieses Thema im Forum "Gestaltung" wurde erstellt von Atlanta, 31. August 2021.

  1. Atlanta

    Atlanta Renommiertes Mitglied

    Moin Kollegen,

    wer gerne in älterem Archivmaterial herumstöbert und dort etwas gefunden hat, was man sodann gerne nachbauen möchte, hier mal eine kurze Anleitung, wie man vorgehen kann.

    Um Gebäude oder Fahrzeuge in ihren Maaßen korrekt darzustellen, werden Plänen meistens Maaßstäbe mitbeigefügt damit man deren tatsächliche Größe leicht ermitteln kann.

    Dieses ist aber nicht immer der Fall und besonders bei altem Archivmaterial kann es vorkommen, daß Längenmaaße in alten Maaßbezeichnungen aufgeführt sind, dann sollte man jedoch die Umrechnungsmaaße kennen.

    Erst mal ein Hinweis zur Schreibweise:
    Es gibt einen Unterschied zwischen den Begrifflichkeiten des Maßes und der Masse.

    In der Mehrzahl wird heutzutage der Unterschied nicht mehr so leicht ersichtlich, wenn man das Maß mit ss schreibt.

    Das Mass, die Masse

    Bitte nicht verwechseln mit der Masse und die Massen.

    Vor diesem Problem stand man auch vor über 100 Jahren, da es das sz bei gedruckten lateinischen Lettern noch nicht gab, so schrieb man das Maß mit doppeltem a.

    Das Maaß oder das Maass, die Maaße oder die Maasse.

    Ich verweise extra auf diese Arten der Schreibweisen, weil die ein oder andere Schreibweise beim Lesen alter Bücher mit Drucklegung um 1875 und davor, diese Schreibweisen verwenden.

    Buchauszüge jener Zeit können frei verwendet werden, da der Urheberschutz nach 70 bzw. 100 Jahren längst abgelaufen ist und diese Werke als gemeinfrei gelten.

    20210831_214924.jpg gemeinfreier Buchauszug von 1875

    Hier ein kleiner Lokschuppen einer Nebenbahn mit Übernachtungsstube für das Zugpersonal.
    Nur ein etwas längerer oder zwei kurze Personenwagen konnten in der Remise Platz finden, Güterwagen wurden unter freiem Himmel abgestellt.

    20210831_214835.jpg
    gemeinfreier Buchauszug von 1875

    Hier ein etwas größerer Lokschuppen mit Dienstwohnungen für das Zug- oder Stationspersonal.

    Zwei Nebenbahnloks und zwei längere oder vier kürzere Personenwagen fanden Platz in der Remise.

    Da es sich in beiden Fällen um regelspurige Nebenbahnschuppen handelt, können wir an Hand der Spurweite die übrigen Maaße des Gebäudes ermitteln.

    Den Plan hierbei soweit bei beibehaltenen Längen- und Seitenverhältnis vergrößern, bis die Spurweite entweder den 200. Teil von 1435 mm entspricht also 7,175 mm oder aber dem Modellmaaßstab, welchen man bauen möchte.
    In H0 = 16,5 mm
    In TT = 12 mm
    In N = 9 mm
    In Z = 6,5 mm

    Ist die Spurweite auf die Regelspur eingestellt hat man nun alle dazugehörigen Bemaaßungen, die man nun ganz einfach per Lineal abnehmen kann.

    20210831_214522.jpg
    gemeinfreier Auszug eines Plans von 1849

    Zu diesem Plan sollte man wissen, daß die im linken Bogen gezeichnete Spurbreite der damaligen 5' Fuß Spur entspricht.

    1524 mm : 87 = 17,52 mm, gerundet 17,5 mm
    5 Scalefeet in H0 sind: 5 × 3,5 mm = 17,5 mm

    Der Plan ist entsprechend zu vergößern, so daß die Spurbreite 17,5 mm entspricht und schon kann man dann die übrigen Maaße in H0 abnehmen.

    Bei anderen Zeichnungen muß man vorsichtig sein, nicht immer geht man von englischen Maaßen aus, sehr geläufig war auch das preußische Zollmaaß, welches eine Abweichung zum englischen Maaß beinhaltet.

    1 engl. Inch = 25,4 mm
    1 preuß. Zoll = 26,154 mm

    12 Zoll = 1 Fuß
    24.000 Fuß = 1 preußische (dänische) Meile
    1 preuß. M = 7532 m gerundet 7,5 Km

    32 m fehlen je Meile, wenn man mit der mathematisch korrekten Rundung auf 1 Nachkommastelle rechnet.

    20210827_231643.jpg
    gemeinfreier Buchauszug von 1846

    Maaßangaben in preuß. Fuß


    Viel Spaß beim herumrechnen und schönen Gruß,

    Ingo
     
  2. Kai Eichstädt

    Kai Eichstädt Aktives Mitglied

    Moin Ingo,

    ob es die Mehrheit ist, weiß ich nicht, aber viele, die "Maße" mit "ss" schreiben, sind entweder Schweizer oder habe die Regeln der Rechtschreibreform nicht verstanden...
    Es ist so, wie es ist: "Maße" wurde und wird nach wie vor mit "ß" geschrieben (und einem "a").

    Gruß
    Kai
     
    Markus gefällt das.
  3. Atlanta

    Atlanta Renommiertes Mitglied

    Moin Kai,

    Ich bevorzuge selber die Schreibweise, wie ich sie in der Schule gelernt habe und für die ich mich auf den Sonderstatus Schleswig–Holstein berufen konnte, als ich von 2010 bis 2012 in Hamburg zur Berufsschule ging. Geprüft wurde ich nach den Rechtschreibregeln von 1913 und auch da schreibt man Maß mit ß.

    Wer sich aber die Bücher von Edmund Heusinger von Waldegg antut, diese zu lesen, sie sind mehrheitlich in der Drucklegung zwischen 1860 und 1898, so stößt man auf die Schreibweise des Maßes als:
    das Maass, in der Einzahl und die Maasse in der Mehrzahl.

    Ich merkte ja bereits an, daß es damals bei lateinischen Buchstaben noch nicht das ß als einzelnen Buchstaben gab und man das sz als ss auflöste.

    Bei der altdeutschen Druckschrift hingeben verwendete man das ß und schrieb das Maß und die Maße korrekt und mit nur einem a.

    Die altdeutsche Druckschrift war die Schrift des gewöhnlichen Volkes, höher gebildete Personen lasen in Fachbüchern die lateinischen Schriftzeichen, so wie wir heutzutage es tun, unabhängig vom Bildungsstand der jeweiligen Person.

    Schönen Gruß,

    Ingo
     

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