Allgemeine Diskussionen zum Vorbild Zungenweichen vs. Schleppweichen im deutschsprachigen Raum

Dieses Thema im Forum "Diskussionen zur Eisenbahn" wurde erstellt von Atlanta, 20. Juli 2020.

  1. Atlanta

    Atlanta Renommiertes Mitglied

    Moin Kollegen,

    mich interessiert in erster Linie ab wann und in welchem Umfang Zungenweichen den Siegeszug gegen Schleppweichen antraten, die Online vervügbaren Informationen bekannte Quellen bei Wikipedia sprechen lediglich davon, daß 1852 erstmals Zungenweichen bei der Hannover'schen Eisenbahn verbaut wurden aber nicht in welchem Umfang.

    Wenn man zwar Fachbücher diverser Eisenbahningenieure liest, sagte es nichts darüber aus ob Zungenweichen oder Schleppweichen irgendwo verbaut wurden, selbst wenn aus technischer Betrachtungsweise die verschiedenen Weichenbauformen miteinander verglichen werden.

    Die im Jahrgang von 1883 veröffentlichten technischen Blätter der Signalbauanstalt Max Jüdel & Co. zu Braunschweig, sind da wesentlich aufschlußreicher.

    Aus den Technischen Blättern der Signalbauanstalt Max Jüdel & Co. zu Braunschweig aus dem Jahre 1883 ist zu entnehmen, daß die Fa. Zimmermann und Buchloh versucht hat, im Jahr 1878 "englische Weichenstraßen"* für sich patentieren zu lassen.

    Ferner geht aus diesen technischen Mitteilungen hervor, daß englische Weichenstraßen seit 1869 eine eher schleppende Anwendung in größeren Bahnhöfen fanden, weil der Sicherungsapparat nach dem Saxby & Farmer Patent nicht mehr zeitgemäß und zu kompliziert erschien.
    Der Oberingenieur H. Büssing entwickelte ein überarbeitetes und wesentlich vereinfachteres Verschlußregister, welches unter der Bezeichnung: Verschlußregister Patent Büssing, von nahezu allen Signalbauanstalten größtenteil übernommen wurde.

    * = als "englische Weichenstraßen" wurden Weichenstraßen gebaut mit englischen Zungenweichen bezeichnet. Englische Zungenweichen gehen auf ein Saxby & Farmer Patent von 1857 zurück, gemeint sind dabei aber alle Weichenbauarten, die über Weichenzungen nach dem Patent von Saxby & Farmer verfügen.

    Die Fa. Max Jüdel & Co. strebte eine Abweisung des Patents durch Zimmermann & Buchloh an, sich "englische Weichenstraßen" für sich patentieren zu lassen.

    Wäre das Patent zu Gunsten von Zimmermann & Buchloh ausgegangen, hätten alle bis dann bereits verbauten englischen Weichen entweder ausgebaut werden müssen oder Lizenzgebühren an die Fa. Zimmermann & Buchloh gezahlt werden müssen.

    Die Abweisung des Patentes hatte 1873 funktioniert und "englische Weichenstraßen" konnten weiterhin von den verschiedensten Bauanstalten ausgeführt werden.

    Man stelle sich das mal hypothetisch vor, wenn in der Tat Zimmermann & Buchloh den Patentstreit gewonnen hätte und auf einen Ausbau bestehender Zungenweichen bestanden hätte, das hätte das gesamte Eisenbahnwesen in Deutschland um Jahre zurückgeworfen bzw. nahezu ruiniert. Welche Weichen dann wieder hätten eingebaut werden müssen, lag auf der Hand, Schleppweichen!

    Also fassen wir mal zusammen:
    • 1852 wurde die erste Zungenweiche bei der Nannover'schen Eisenbahn eingebaut
    • 1857 ließ sich Saxby & Farmer Weichenzungen und Zungenweichen verschiedener Bauausführungen in London patentieren
    • ab Mitte der 1860er Jahre wurden durch verschiedene Bauanstalten Zungenweichen in vornehmlich größeren Bahnhöfen installiert, für die auch die benötigten Sicherungsanlagen und Stellwerke nach dem Saxby & Farmer bzw System Henning oder in abgewandelter Form gleich mitverkauft wurden
    • 1869 Patentierung eines vereinfachten Verschlußregisters nach der Bauart H. Büssing
    • 1878 Patentanmeldung von "englischen Weichenstraßen" durch Zimmermann & Buchloh
    • 1878 Bestreben der Fa. Max Jüdel & Co., Braunschweig das Patent abzuweisen
    • 1883 Abweisung des Patentes für "englische Weichenstraßen" von der Fa. Zimmermann & Buchloh zu Berlin, Jedermann solle es ermöglicht werden Zungenweichen weiterzuentwickeln oder eigene Bauarten patentieren zu lassen

    Schönen Gruß,

    Ingo
     

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